Miriam Oberle: Wie kommt der Feminismus auf die Welt?
"Männer brauchen nicht alles wissen!" sagte meine Oma mit bedeutungsschwangerer Stimme im Flüsterton. Dann steckte sie mir schnell ein 5-Mark-Stück zu, das ich dann in meiner Hosentasche versteckte, ehe Opa wieder vom Klo kam.
Männer brauchen nicht alles wissen. Taten sie auch nicht. Oft wollten sie auch nicht. Neben den Familiengeheimnissen, gab es noch ganz spezielle Geheimnisse, die Geschlechtergeheimnisse bzw. die besonderen Geheimnisse der Frauen. Das Geld, dass sie nicht besaßen, aber verwalteten und verteilten, die Gefühle, die ihnen fehlten und die sie woanders auslebten, die Wut, die sie nie offen zeigten und die sie dann an sich oder ihren Kindern ausließen oder in dieser ganz eigenen subtilen Form an ihren Männern, Söhnen und Brüdern.
Natürlich wußte ich damals noch nicht viel darüber, als mir meine Oma immer heimlich Geld zusteckte. War denn Opa geizig? Würde er mir kein Geld geben? Hat er eine böse Seite, die ich nicht kannte? fragte ich mich als Kind. Eigentlich wirkte er ganz lieb...Er war ein ruhiger Mann, der in seinem Leben viel gearbeitet hatte, gerne seine Zeit im Garten verbrachte und gerne aß und trank. Während meine Oma getrieben wirkte, von einer inneren Unruhe, einer inneren Kraft, die nur knapp unter der Oberfläche zu brodeln schien. Nie saß sie lange da, immer am räumen, putzen, versorgen und gebraucht werden. Alleine für sich war sie kaum da, vielleicht gar nicht.
"Seit der Hochzeit mit Opa ging es mir immer gut. Da sind wir in den Urlaub gefahren und ich mußte nicht mehr arbeiten." hatte sie mir erzählt. Ein guter Mann war er - einer, der einen versorgt, einen nicht schlägt und nur ab und zu betrunken nach Hause kommt. Ein guter Mann. Im Gegensatz zu ihrem Vater, der oft trank und der dann schrie und irre wurde und Frau und Kindern Angst machte. Deshalb muß man vorsichtig sein gegenüber Männern, weil man nie weiß, wann sie sich verwandeln, in diese Bedrohung, die auch ich als Kind schon kannte. Ihn bloß nicht wütend machen, während unsere Wut uns den Atem nahm. Manchmal glaubte ich, dass sei normal, auch wenn es sich schlecht anfühlte. Vielleicht war ich ja nur verkehrt, und wenn ich lieber wäre und nicht so widerspenstig, wäre es sicher nicht so schwierig.
Einmal war ich mit einer Freundin und ihren Eltern auf einem SPD-Ausflugstag. Wir fuhren in dem kleinen VW-Bus und hatten einen riesen Spass und wir sangen Lieder, viele Kinderlieder, aber auch andere, die wir auf dem Vorstadtspielplatz gehört hatten. Es ging um Waldemar, der so hieß, weil es im Wald geschah und um eine Frau, die sang: ach vater lass mich doch, wozu hab ich ein Loch, hallihallihallo die ganze Nacht. "Hört mit dem Lied auf", sagte die Mutter meiner Freundin, "Das ist ja total frauenfeindlich." Wir kicherten, wurden rot und hörten auf, aber das Wort blieb haften.
Vieles schien normal in den Jahren bis zur Pubertät. Ab der Pubertät jedoch wurde es besonders interessant, neue Regeln entstanden und neue Gefahren, denen ich ausgeliefert war, so meinten manche Leute. Mein Vater wollte mich ab der Pubertät nicht mehr woanders übernachten lassen. Während mein Bruder sich ab 14 nichts mehr sagen ließ, bekam ich ab 14 immer mehr zu hören. Wann hatte ich mich so verwandelt? von seinem kleinen Mädchen, in diese egoistische, vergnügungssüchtige Göre?! Widerworte brachten Ärger und Diskussionen gab es nicht. Einen Hang zum Patriarchen hatte er schon immer, aber nun... "Wer hat Dir das denn schon wieder eingeredet?" fragte er, wenn ich meine Meinung äußerte. Ob er das auch einen Jungen, meinen Bruder gefragt hätte, sicher nicht. Es war die Zeit, als mein Vater aus der Welt da draußen eine Bedrohung für mich machte. Dabei hatte ich meine halbe Kindheit draußen verbracht. Wieso sollte sich die Welt auf einmal verändert haben? Und die schlimmsten Szenen meiner Kindheit hatte ich schon daheim erlebt. Sicher, dass es böse Menschen bzw. Männer gab, die Frauen vergewaltigten und töteten wußte ich längst aus Aktenzeichen XY. Doch ich spürte etwas anderes, nicht die Angst, seinem Mädchen könnte was passieren, nein, mehr sie könnte etwas mit sich passieren lassen. Etwas könnte wachsen, was sie selbst wollte, sie könnte womöglich wachsen, über ihn hinaus etwa oder ich könnte ihm an einen anderen Mann verloren gehen. Und all das in den 80ern.
Das Wort Emanze hörte ich als Kind zum ersten Mal negativ besetzt und in Zusammenhang mit lila Latzhosen. Auf jeden Fall waren es Frauen, die sich nicht hübsch machten, Männer nicht mochten, dabei aber ähnlich den Männern aussahen und sich so benahmen. So meine damalige Assoziation.
Dass Frauen es schwer hatten und unterdrückt wurden, kannte ich aus der Schule nur aus grauer Vorzeit. Das war damals, nicht mehr heute. Vielleicht sieht man aus der Distanz immer klarer, leider. Und doch war etwas schon ganz früh da - ein Unbehagen, ein diffuses Sehnen. "Was tat man den Mädchen, die wie Schirme und Nelken, liegen gelassen, in Vorzimmern welken. Man verdirbt sie mit Prinzen und statt ins Leben zu sinken, wollen sie fliegen und ertrinken." Dieses Lied von Konstantin Wecker hörte ich erst Anfang 20 oft. Ich las "Der Tod des Märchenprinzen" und ich las "Frauen" von Marilyn French, endlich. Von feministischen Theorien war ich weit entfernt, erstmal war die Praxis dran. Ich lernte reden in der Gruppe, mich zeigen, auch unangenehm zeigen, ich lernte zu fordern und zu verlangen und ich lernte ein Wort, eigentlich das allerwichtigste im Leben: NEIN.
Ich lernte, dass wenn ich einen Mann küsste, nicht gleich mit ihm ins Bett mußte - ich lernte ehrlich zu sein, zu den Männern - sie sollten alles wissen!! Doch sie wollten es nicht immer, aber das ist ein anderes Thema.
Später wurde aus dem Unbehagen Worte und aus den Worten Sätze und Theorien. Im Studium wurden es Seminare zum Thema "Soziale Konstruktion von Geschlecht" oder Frauenbilder im Mittelalter oder Genderstudien. Alles nur ein Konstrukt , Kultur, Immagologie, keine Biologie - kein defintives muß - wie entspannnend und befreiend.
Viele kleine Mosaiksteine des Unbehagens, des Irritiertseins und des Erkennens ergaben schließlich ein ganzes Bild, dass sich nicht mehr verbannen lässt, im Gegenteil, es ist so klar, dass es wundert, wie so viele es noch nicht erkennen können oder wollen. Ich bin gespannt, was ich in 10 Jahren sehe und jetzt noch nicht erkenne.
"Wir sind alle Stufen derselben Treppe", sagte meine Mutter früher einmal, "im Guten wie im Schlechten."